Der Leuchtturm – Erinnerungsanker setzen

Allzu leicht verlieren wir durch Ablenkungen unsere Ziele aus den Augen. Das bekommt auch Nina in dieser Nachdenkgeschichte zu spüren, denn ihr Ausflug ans Meer verläuft anders als erhofft. Sie ist kurz davor, ihre Pläne über Bord zu werfen und aufzugeben, da trifft sie in einem kleinen Küstenort auf die Inhaberin eines Souvenirladens, die ihr verrät, was es mit dem Erinnerungsanker auf sich hat.

Der Leuchtturm – eine Nachdenkgeschichte über die Bedeutung von Erinnerungsankern

Nina zog den Schlüssel aus dem Zündschloss und öffnete die Autotür, woraufhin eine sanfte Brise den Duft des Meeres ins Wageninnere wehte. Sie atmete tief ein und lächelte. Wie sehr hatte sie diesen Geruch vermisst. Immer wenn Nina den Weg zu ihrem Elternhaus an die nördlichste Spitze Deutschlands antrat, stand auch ein Besuch bei ihrer Freundin Mona auf dem Programm, die sie seit Kindertagen kannte. Heute sollte es nach einer gefühlten Ewigkeit endlich wieder so weit sein. Sie stieg aus dem Auto, schob die Ärmel ihres dünnen Pullis hoch und schirmte die Augen mit der Hand gegen die Sonne ab, um den weiß-roten Leuchtturm am Meeresrand besser zu erkennen. Unerschütterlich stolz stand er da wie eh und je.

Sie holte ihre Reisetasche aus dem Auto und lief sie den leicht abschüssigen Pfad zur Anlegestelle hinab. Die Sand-Stein-Mischung knirschte unter den Turnschuhen, jeder ihrer Schritte wirbelte Staub auf. Nina sah sich um. Sonst war es hier wesentlich voller, doch an diesem Tag hatten sich lediglich sechs Leute um einen Mann mit Kapitänsmütze herum versammelt. Kurze Zeit später wusste sie den Grund: Technische Probleme mit der Fähre verzögerten die Abfahrt um anderthalb Stunden. Enttäuscht, aber entschlossen, die Zeit sinnvoll zu nutzen, entschied sich Nina, das benachbarte Dorf zu erkunden.

Ein Leuchtturm als Erinnerungsstütze

Ein Leuchtturm am Meer weist den Schiffen den Weg. Wer hält dich auf Kurs? Foto: Mathias Westermann / pixabay

Besuch im Souvenirladen

Obwohl die Umgebung rundherum ausreichend Raum bot, standen die einzelnen Häuser nah beieinander, als wollten sie sich gegenseitig vor dem Wind schützen. Nina schlenderte über das Kopfsteinpflaster und bewunderte die Sprossenfenster der urigen Bauten, bis sie zu einem Platz gelangte, in dessen Mitte ein Brunnen plätscherte. Die Straßen wirkten verlassen, der Ort schien wie aus der Zeit gefallen. Sie sah sich um und entdeckte einen kleinen Souvenirshop. Das Glöckchen über der Tür kündigte ihr Kommen an und Sekunden später schlurfte eine gebrechlich wirkende Dame aus dem Nebenzimmer.
»Schauen Sie sich in Ruhe um«, sagte die Frau und ließ sich schnaufend in einen Korbsessel neben der Verkaufstheke fallen.

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»Vielleicht haben Sie Interesse an diesen Gartensteckern mit Solarbeleuchtung? Sie sind gestern eingetroffen.«
Nina nickte und schaute in die angezeigte Richtung, wobei ihr sofort ein Solarstab mit Leuchtturmmotiv ins Auge stach. »Der Leuchtturm! Mona! Oh, Gott, wie spät ist es?«, entfuhr es ihr eine Spur zu laut. Die alte Frau zuckte zusammen. Das letzte Mal hatte Nina am Anleger auf die Uhr geschaut, danach nicht mehr. Das ungute Bauchgefühl bestätigte sich. »Es tut mir leid«, rief sie der Frau über die Schulter hinweg zu, die Türklinke bereits in der Hand. »Ich komme irgendwann bestimmt noch mal vorbei.« Mit diesen Worten rannte sie an dem Brunnen vorbei durch die Gassen bis hin zur Küste – wo in der Ferne in diesem Moment die Fähre ablegte.

Landschaft am Meer in der Nachdenkgeschichte über Erinnerungsanker.

Allzu oft schweifen unsere Gedanken ab und wir verlieren unsere Ziele aus den Augen. Foto: Michaela Wenzler / pixabay

Ein Erinnerungsanker hält uns auf Kurs

Wie hatte sie ihr Ziel bloß trotz der Vorfreude so aus den Augen verlieren können? Nina kehrte zurück zum Souvenirladen, in dem die Dame immer noch in ihrem Korbsessel saß. »Schön, dass sie wieder da sind«, sagte sie. »Das ging ja schnell.«
­»Schneller als mir lieb ist«, antwortete Nina seufzend und erzählte ihr von der verpassten Fähre und der vergessenen Zeit.
­­»Hatten Sie denn keinen Erinnerungsanker geworfen?«, erkundigte sich die Frau.
­Nina zog die Augenbrauen hoch. »Einen Erinnerungsanker? Nein, was ist das?«
­»Am besten eignet er sich für langfristige, große Ziele«, die Frau wiegte den Kopf hin und her. »Für ihr heutiges Vorhaben hätte wahrscheinlich ein simpler Wecker ausgereicht, wenn ich es mir recht überlege.«
Nina schürzte die Lippen und warf einen vorwurfsvollen Blick auf ihr Smartphone, als träge es Schuld an ihrem Dilemma. »Ja, das wäre so einfach gewesen. Aber was hat es mit diesem Erinnerungsanker auf sich? Sie haben mich neugierig gemacht.«
In den Augen der Dame leuchtete es auf. »In welchem Moment ist Ihnen vorhin bewusst geworden, dass Sie von ihrem Ziel abgekommen sind?«

Nina überlegte. »Als ich den Gartenstecker mit dem gläsernen Leuchtturm gesehen habe. Er erinnerte mich an den Leuchtturm am Anleger. Ich verbinde ihn irgendwie mit der Fahrt zu meiner Freundin.«
­»Sehen Sie.« Die Frau nickte zufrieden. »Der Leuchtturm war ihr Erinnerungsanker.«
»Es ist also ein Gegenstand, der uns an unser Ziel erinnert, wenn wir vom Weg abkommen?«
»Ja, das trifft es wohl. Tragen wir es bei uns, ruft es uns unsere Ziele immer wieder in Erinnerung, hält uns damit auf Kurs und macht das Aufgeben unwahrscheinlicher.«
­Nina dachte kurz nach. »Sie haben recht, so schnell gebe ich nicht auf. Ich schaue direkt nach, wann die nächste Fähre ablegt.« Nina lächelte. »Ach so: Und einen von diesen Leuchtturmanhängern dort hinten hätte ich bitte gerne. Nur für den Fall … Sie wissen schon.«

Souvenirshop des Küchenörtchens, in dem Nina sich die Wartezeit vertreibt und auf einen Erinnerungsanker stößt

Welches große Ziel verfolgst du gerade in deinem Leben? Hast du dafür schon einen Erinnerungsanker? Foto: birgl / pixabay

Ziele immer im Blick: Erinnerungsanker finden

Achtsam durchs Leben gehen, sich neuen Eindrücken auch mal hingeben und ganz im Moment verweilen – das alles ist ohne Frage bedeutsam für unser Glücksempfinden. Doch wie oft lassen wir uns im Alltag von diesem oder jenem ablenken und verlieren darüber unser eigentliches Ziel aus den Augen? Wie oft bringen uns Hindernisse, die den direkten Weg versperren, dazu, aus einer kurzen Umleitung einen Pfad ins Nirgendwo zu machen? In einer Welt des Überflusses und der unzähligen Möglichkeiten ist das Risiko, sich zu verirren, höher denn je. Selbst wenn uns etwas sehr wichtig ist, kann es passieren, dass wir den Weg verlassen, ohne es bewusst wahrzunehmen. Oft bemerken wir erst, dass etwas schiefgelaufen ist, wenn wir bereits weit ab vom Schuss sind.

10 Stories of life: Ein Buch mit 10 Nachdenkgeschichten

Unser persönlicher Leuchtturm kann dabei helfen, die grundlegende Ausrichtung im Blick zu behalten. Wobei ein Leuchtturm natürlich kein Leuchtturm sein muss, sondern irgendein Gegenstand, den wir mit unserem übergeordneten Ziel in Verbindung bringen und der uns an unsere Mission erinnert. Stellen wir ihn uns auf den Schreibtisch, tragen ihn bei uns und lassen wir zu, dass er uns die Richtung weist und auf Kurs hält. Auch wenn wir hin und wieder einen Umweg einschlagen und nahende Klippen umschiffen müssen.

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