Zwei Reisende

Geschichte für Erwachsene zum Nachdenken über Trigger und deren Auslöser

Es gibt Momente, in denen etwas in uns Widerstand auslöst, ohne dass wir sofort verstehen, warum. Dieser Trigger kann ein einziges Wort sein, ein Satz oder eine Geste. Vielleicht ist es neutral gemeint, vielleicht freundlich oder schlichtweg unbedacht. Doch uns bringt es innerlich stark aus dem Gleichgewicht, während jemand anderes in der gleichen Situation entspannt bleibt. Warum löst es ausgerechnet in uns Distanzierung, Unmut oder sogar Wut aus? Das fragt sich in dieser Nachdenkgeschichte auch ein Reisender, der auf denselben Impuls völlig anders reagiert als sein Gegenüber, kurz bevor sie ihren Weg ins Gebirge antreten.

Zwei Reisende. Eine Kurzgeschichte zum Nachdenken.

Eine Kurzgeschichte zum Nachdenken

Der kleine Laden lag etwas abseits der Straße, dort, wo der asphaltierte Weg in Schotter überging und die Berge näher rückten. Drinnen roch es nach Papier, Holz und Filterkaffee. Im Regal hinter der Theke lag neben diversem Krimskrams ein Stapel Gebietskarten unterschiedlicher Größe, die den Blick des Reisenden sofort auf sich zogen. Er stellte seinen Rucksack vor sich auf dem Boden ab und legte den Kompass in seiner Hand auf den Tresen. Wie er diesen Moment liebte. Das Gefühl, vor einem Weg zu stehen, der noch offen war. Möglichkeiten, die sich nicht aufdrängten, sondern darauf warteten, von ihm entdeckt zu werden.

Der Mann hinter der Theke lächelte, griff nach einer der Karten, schlug sie routiniert auf und beugte sich darüber. „Wenn Sie das Gebirge erkunden wollen“, sagte er freundlich, „dann würde ich Ihnen diese Route empfehlen.“ Sein Finger glitt zügig über das Papier, als wäre er selbst diese Strecke schon unzählige Male gegangen. An mehreren Stellen hielt er kurz inne. „Hier haben Sie die beste Aussicht. Hier kommen Sie zügig voran und diesen Abschnitt sollten Sie besser meiden.“

Diffuse Gefühle

Der Reisende nickte, doch in ihm machte sich Unmut breit. Kein richtiger Ärger, keine offene Ablehnung, eher ein Gefühl, als hätte jemand einen Raum besetzt, den er gerade erst betreten wollte. Während der Mann weitersprach, dachte er daran, wie er sich eigentlich gemütlich irgendwo hinsetzen, die Karte vor sich ausbreiten und seine Route hatte ausarbeiten wollen.
„So nehmen Sie das Wichtigste mit“, schloss der Verkäufer und schob die Karte zu ihm hinüber. „Und es erspart Ihnen unnötige Umwege.“
„Danke“, sagte der Reisende kurzangebunden. Er nahm die Karte an sich, bezahlte und ließ sich in dem Ohrensessel am Fenster nieder. Draußen zogen Wolken langsam über die Bergflanken, während er versuchte, das flaue Gefühl im Magen loszuwerden.

Eine Frage der Stimmigkeit

Kurz darauf öffnete sich die Ladentür, das Glöckchen an der Schnur klingelte. Ein zweiter Reisender trat ein, ebenfalls mit Rucksack und dem offensichtlichen Ziel, eine Karte zu kaufen. Wieder begann der Verkäufer zu erklären, zu zeigen, zu empfehlen. Der Reisende am Fenster presste die Lippen zusammen, seine Hand verkrampfte sich. Als er jedoch die Antwort und den Tonfall des anderen Mannes hörte, drehte er sich herum. Er klang aufrichtig dankbar. Erleichtert. Fast froh darüber, dass ihm diese Informationen ungefragt aufgedrängt worden waren.
„Perfekt“, rief er fröhlich, faltete die Karte sorgfältig zusammen und steckte sie ein. „Genau das habe ich gebraucht.“ Er legte den Kompass, den er die ganze Zeit in der Hand gehalten hatte, auf den Tresen, und holte seine Brieftasche aus der Jacke.
Dem Reisenden im Sessel fiel ein, dass er seinen eigenen Kompass dort liegengelassen hatte. Schnell sprang er auf, um ihn zu holen.

Als er dort ankam, lächelte der andere ihn an. Der Reisende grüßte zurück, aber die Frage ließ ihn nicht los, warum das Verhalten des Verkäufers für diesen Mann stimmig war und für ihn selbst nicht. Er schaute hinab auf die beiden nebeneinanderliegenden Kompasse. Sie sahen unterschiedlich aus, doch würden sie auf der Tour jedem der beiden den für ihn richtigen Weg zeigen.
War das die Lösung? Werden wir alle durch unsere wichtigsten Werte geleitet und fühlen uns getriggert, wenn sie verletzt werden?
Der Reisende atmete tief durch. Vor ihm lag das Gebirge. Offen für alles, was er mitbringen würde.

Aquarellillustration eines kleinen Ausrüstungsladens am Fuße der Berge: Ein Verkäufer zeigt einem Reisenden eine Karte auf dem Tresen, während durch das Fenster das Gebirge sichtbar ist. Sinnbild für unterschiedliche innere Ausrichtungen und dafür, wie wir Trigger als Hinweise verstehen.

Unterschiedliche Reaktionen entstehen oft aus unterschiedlichen inneren Maßstäben.

Meine Gedanken zu Triggern

Manchmal wundern wir uns über uns selbst. Darüber, warum uns etwas innerlich aufwühlt, während andere gelassen bleiben. Wir fragen uns, wieso wir in manchen Situationen automatisch in Widerstand gehen. Diese Geschichte lädt dazu ein, genau dort hinzuschauen. Denn meist sind es nicht die Situationen an sich, die uns aus dem Gleichgewicht bringen, sondern das, was sie in uns treffen. Unsere Reaktionen sind Hinweise. Sie zeigen uns, wo etwas nicht stimmig ist. Nicht, weil wir schwierig sind, sondern weil gerade etwas gegen das verstößt, was uns sehr wichtig ist.

Vielleicht hilft es, Trigger weniger als Problem zu sehen und mehr als Wegweiser. Wer wie der Reisende die Selbstbestimmung als hohen Wert in sich trägt, reagiert empfindlich auf Vorgaben, auch wenn sie hilfreich gemeint sind. Wer Abenteuer liebt, fühlt sich schnell eingeengt, wenn Sicherheit oder Planung im Vordergrund stehen. Und für Menschen, bei denen familiäre Verbundenheit ganz oben auf der Werteliste steht, kann schon die kleinste Distanz oder Disharmonie Spannungen auslösen.

Jeder von uns hat Leitwerte, auch wenn viele sich dessen nicht bewusst sind, und sie lenken unser ganzes Handeln. Dabei ist kein Leitwert besser oder schlechter als der andere. Sie sind von Mensch zu Mensch einfach unterschiedlich und können sich im Laufe des Lebens auch durchaus verändern. Kennen wir unsere persönlichen Leitwerte, hilft das oft, milder mit sich selbst zu sein und die eigenen Reaktionen besser zu verstehen. Nicht, um sie zu ändern, sondern um ein Leben zu führen, das mit unseren Werten möglichst im Einklang ist. Denn das ist unter anderem einer der Schlüssel für innere Zufriedenheit und Lebensglück.

Tarot-Reflexion


Diese Nachdenkgeschichte der zwei Reisenden trägt die Energie der Tarotkarte „Der Hierophant“ in sich. In diesem Fall steht sie für die eigenen Werte und Überzeugungen, an denen wir uns orientieren. Der Hierophant erinnert daran, dass unser Empfinden in bestimmten Situationen nicht zufällig entsteht, sondern aus einem inneren Maß heraus, das festlegt, was sich stimmig anfühlt und was Widerstand auslöst. Manches, was im Außen vernünftig, hilfreich oder richtig erscheint, kann in uns Unruhe erzeugen, wenn es nicht mit diesen Werten übereinstimmt.

Zwei sich überkreuzende Schlüssel, einer goldfarben und einer silberfarben, stehen mittig vor einem hellbeigen Aquarellhintergrund. Über den Schlüsseln leuchtet ein heller Mond mit einem Stern daneben. Unterhalb der Schlüssel stehen grüne Eichenblätter aufrecht in einer Reihe.

Diese Erzählung und die Tarotkarte „Der Hierophant“ laden dich heute ein, dir die Frage zu stellen: Wo in deinem Leben spürst du gerade Widerstand, wer triggert dich? Und was könnte dir das über deine Leitwerte verraten?

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