Parabel-Fabel für Erwachsene zum Nachdenken über Unentschlossenheit
Manchmal fällt es schwer, sich zu entscheiden. Kaum glauben wir zu wissen, was wir wollen, kommt ein neuer Zweifel auf. So ergeht es auch dem Eichhörnchen in dieser Geschichte, das vor dem nahenden Winter einen geschützten Platz für seinen neuen Kobel sucht.
Der Winterkobel
Eine kurze Geschichte zum Nachdenken über Unentschlossenheit
Das Eichhörnchen schaute aus seinem Kobel heraus und zog sich gleich darauf wieder zurück. Über Nacht waren die Temperaturen spürbar gesunken und selbst durch die Zweige unter ihm drang zunehmend kühle Luft. Es rollte sich zusammen und legte den Schwanz über den Rücken, doch schlafen konnte es nicht mehr. Den Sommer über war dieses Plätzchen durchaus angenehm gewesen. Zwischen den Blättern war die Abendsonne auf seinen Schlafplatz gefallen und am morgen hatte es nur den Kopf heben müssen, um weit in den Wald hineinzusehen. Doch für den Winter wollte es sich einen geschützteren Ort suchen.
Und so kletterte das Eichhörnchen eine alte Buche hinauf und ließ sich dicht am Stamm auf der Gabelung eines kräftigen, geteilten Asts nieder. Ausreichend Fläche gab es hier, doch die Zweige über seinem Kopf würden vermutlich nicht viel Wintersonne durchlassen. Es hoffte, dass es weiter oben vielleicht etwas heller werden würde, aber dort waren dafür die Äste zu dünn. Eine Weile huschte es zwischen den beiden Stellen hin und her, bevor es schließlich zum nächsten Baum sprang.
Der beste Platz
In den folgenden Tagen fand das Eichhörnchen mehrere Stellen, an denen es sich einen stabilen Kobel für den Winter vorstellen konnte. Eine Fichte hatte so dichte Zweige, dass selbst nach einem Regenschauer der Stamm trocken blieb. Allerdings musste es sich mühsam zwischen den Nadeln hindurchzwängen. Am Waldrand stand eine Eiche mit einer breiten Astgabel, auf die schon früh am Morgen die Sonne fiel. Es blieb lange dort sitzen und wollte gerade nach geeigneten Zweigen suchen und loslegen, als eine ordentliche Böe in die Krone fuhr. Es krallte sich in der Rinde fest und wartete, bis das Schwanken nachließ. Auf dem Rückweg kam es wieder an der Buche vorbei. Unter deren Ästen rührte sich kaum etwas, aber inzwischen lag die Gabelung ganz im Schatten.
Manchmal betrachtete es die Kobel der anderen Eichhörnchen. Vor einem besonders großen Bau hielt es inne und überlegte. Vielleicht würde sein eigener in der Buche gar nicht zwischen Stamm und Ast passen. Und bei der Fichte würde der enge Zugang womöglich Schwierigkeiten machen. Abends kehrte es dann immer in sein aktuelles Zuhause zurück, stopfte etwas Moos in die Stelle, durch die der Wind drang, und nahm sich vor, am nächsten Morgen wirklich mit dem Neubau zu beginnen. Meist legte es beim Einschlafen fest, welchen Baum es nun wählen würde, doch sobald es am nächsten Tag dort saß, kehrten die Zweifel zurück.
Der gefallene Zweig
Als das Eichhörnchen wieder einmal in der Buche saß und abwog, raschelte es über seinem Kopf. Ein kleiner Zweig fiel herunter und blieb direkt neben ihm liegen. An seinem Ende hing ein braunes Blatt, das sofort zerbröselte, als es mit der Pfote darüberstrich. Etwas davon blieb in seinem Fell hängen. Es zupfte die Stückchen heraus und sah hinauf in die Krone. Das grüne Blätterkleid war verschwunden und durch die entstandenen Lücken konnte es bis hinauf in den Himmel schauen. Als es zum ersten Mal hier gesessen hatte, war alles noch weitgehend grün gewesen. Es sah den Zweig eine Weile an, dann legte es ihn quer in die Astgabel und drückte vorsichtig darauf. Ein Ende rutschte ab. Das Eichhörnchen fing den Zweig auf, zog ihn näher an den Stamm und drehte ihn, bis eine kleine Verästelung an der Rinde haften blieb. Diesmal hielt er. Es kletterte ein Stück weiter, holte einen zweiten, der allerdings zu kurz war und hinunterfiel. Der nächste passte wieder.

Zwischen Abwägen und Ausprobieren: Das Eichhörnchen beginnt, seinen Winterkobel zu bauen.
Bis zum Abend entstand so bereits ein lockeres Geflecht. An einer Seite ragten die Zweige weiter hinaus, als das Eichhörnchen vorgesehen hatte und als es sich probeweise daraufsetzte, gab der Rand unter seinem Gewicht nach. Es rückte zum Stamm zurück und betrachtete die Stelle. Dort würde es noch etwas nachbessern müssen. Bevor es zu seinem alten Schlafplatz zurückkehrte, blieb es noch einmal auf der Astgabel sitzen. Durch eine Lücke fiel die tiefe Abendsonne auf seine Pfoten.
Am nächsten morgen blieb es mit seinem Baumaterial im Gepäck vor der Fichte stehen. Zwischen den dichten Zweigen wäre sein Kobel gut vor Regen geschützt. Vielleicht wäre es dort doch besser? Es sah noch einmal hinauf und sprang dann weiter in Richtung Buche. Dort gab es einiges zu tun und sicher würde nicht alles gleich gelingen. Doch was am Ende daraus entstehen könnte, würde es wohl nur durchs Ausprobieren erfahren.
Meine Gedanken zur Unentschlossenheit
Manchmal wägen wir eine Entscheidung immer wieder ab, weil wir sicher sein möchten, dass sie die richtige ist. Gerade wenn viel davon abhängt, hat dieses Zögern natürlich durchaus seine Berechtigung. Aber nicht jede Unsicherheit lässt sich durch weiteres Nachdenken ausräumen. Ob etwas zu uns passt und wie wir mit möglichen Schwierigkeiten zurechtkommen, zeigt sich manchmal erst, wenn wir uns darauf einlassen. Dabei müssen wir nicht für alles vorab schon eine Lösung haben. Manche finden wir erst beim Ausprobieren.
Teile die Geschichte:
Tarot-Reflexion
Die Parabel-Fabel vom Winterkobel trägt die Energie der Tarotkarte „Der Magier“ in sich. Er steht in dieser Erzählung dafür, die eigenen Fähigkeiten und die vorhandenen Mittel einzusetzen, um etwas zu gestalten. Das Eichhörnchen kennt sein Baumaterial und weiß, wie man einen Kobel baut. Ob seine Vorstellung am gewählten Platz funktioniert, erfährt es aber erst, als es beginnt und ein paar Zweige zusammenfügt. So verbindet sich der Magier hier mit dem Vertrauen, auch während des Handelns Lösungen finden zu können.

Diese Erzählung und „Der Magier“ laden dich heute ein, dir die Frage zu stellen: Was versuche ich gerade durch Nachdenken zu klären, das ich wahrscheinlich eher durchs Ausprobieren herausfinden kann?
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