Die Anfahrt

Geschichte für Erwachsene zum Nachdenken über seelische Erschöpfung

Es gibt Zeiten, in denen wir äußerlich funktionieren, aber innerlich kaum noch da sind. Gedanken springen durcheinander, bevor sie zu Ende gedacht sind, die Konzentration bleibt auf der Strecke und wir machen trotzdem immer weiter. Während wir versuchen, alles möglichst schnell hinter uns zu bringen, merken wir oft erst spät, welche Auswirkungen das hat. So ergeht es auch einer Frau in dieser Nachdenkgeschichte, die sich auf den Weg zu einem Vortrag macht und bei der Anfahrt mehr übersieht, als ihr zunächst bewusst ist.

Die Anfahrt

Eine kurze Geschichte zum Nachdenken

Die Autobahn lag grau und gleichmäßig vor ihr, eingerahmt von kahlen Feldern und Baumreihen, auf denen noch die letzten Reste Schnee des ausklingenden Winters lagen. Eigentlich fuhr sie gern Auto und mochte das Gefühl, unterwegs Musik zu hören und zu beobachten, wie sich die Landschaft hinter der Windschutzscheibe immer wieder veränderte. Doch lange Strecken machten ihr immer mehr zu schaffen. An diesem Morgen hatte sie sich früh auf den Weg gemacht. Der Vortrag, auf den sie sich schon so lange freute, begann zwar erst am Nachmittag, aber sie hatte eine weite Fahrt vor sich und wer wusste schon, wie viele Staus sich unterwegs bilden würden.

Nach knapp zwei Stunden leuchtete die Tankanzeige auf. Sie nahm die nächste Ausfahrt, stellte den Wagen an einer Zapfsäule ab und stieg aus. Während der Kraftstoff in den Tank lief, streckte sie sich und bewegte die Schultern auf und ab. Ihr Blick fiel auf das Café neben der Raststätte und für einen Moment dachte sie daran, dort einen Espresso zu trinken oder sich wenigstens ein paar Minuten lang die Beine zu vertreten. Sie schüttelte den Kopf. Nein, sie wollte die Anfahrt schnellstmöglich hinter sich bringen. Und so bezahlte sie stattdessen die Tankfüllung, setzte sie sich wieder ins Auto und fuhr weiter.

Bis zur nächsten Raststätte

Kilometer um Kilometer flog vorbei, das Brummen des Motors war ihr treuer Begleiter. Sie saß aufrecht hinter dem Lenkrad, beide Hände fest darum gelegt, den Blick konzentriert nach vorn gerichtet. Ein Rastplatzschild tauchte am Rand ihres Sichtfeldes auf. Sie registrierte es, fuhr jedoch daran vorbei. Noch nicht, dachte sie. Ich muss erst noch mehr schaffen, später kommt sicher eine weitere Möglichkeit.

Das Radio lief leise im Hintergrund, irgendwann schaltete sie es aus. Die Stille im Wagen rauschte in ihren Ohren. Ein weiteres Schild kündigte den nächsten Rastplatz an. Sie streckte die Schultern, löste den Griff für einen Moment leicht vom Lenkrad, nur um es kurz darauf noch fester zu umschließen als zuvor. Beim dritten Hinweisschild atmete sie länger aus als nötig und spürte ein leichtes Ziehen im Nacken. Eine Etappe schaffe ich noch, sagte sie sich. Den nächsten Rastplatz nehme ich.

Es blieb bei diesem Vorsatz. Sie fuhr die Strecke durch, bis schließlich die Ausfahrt zum Veranstaltungsort vor ihr auftauchte. Endlich! Sie seufzte auf und folgte den Hinweisschildern bis zum Parkplatz. Erst als der Motor ausgestellt war, bemerkte sie, wie erschöpft sie war.

Ankunft mit Folgen

Im Foyer standen erst wenige Menschen. Eine Mitarbeiterin richtete Namensschilder aus, zwei Männer unterhielten sich neben der Garderobe. Die Uhr über dem Veranstaltungssaal verriet ihr, dass noch über eine Stunde Zeit bis zum Beginn war. Sie ließ sich auf einen Stuhl sinken und lehnte den Kopf zurück. Eigentlich hatte sie sich darauf gefreut, vor Beginn noch durch das Programm zu blättern, vielleicht einen Kaffee zu trinken und in Ruhe anzukommen. Stattdessen pochten ihre Schläfen und der Nacken fühlte sich steif an.

In der Handtasche musste irgendwo eine Kopfschmerztablette sein. Sie stellte sie auf den Platz neben sich und machte sich zwischen Portemonnaie, Taschentüchern und Ladekabel auf die Suche nach Erleichterung. Dabei fiel ihr Blick auf den Autoschlüssel. Vor ihrem inneren Auge tauchte die Tankstelle auf. Die leuchtende Anzeige auf dem Armaturenbrett, die Zapfsäule, der Schlauch in ihrer Hand. Als das Auto etwas gebraucht hatte, war sie ganz selbstverständlich abgefahren. Kein Gedanke daran, dass die Unterbrechung lästig oder unnötig sein könnte. Sie hatte ihm gegeben, was nötig war, damit es weiterfahren konnte. Nur bei sich selbst hatte sie jedes Signal ignoriert. Sie drehte den Schlüssel zwischen den Fingern und sah zur geschlossenen Tür des Veranstaltungssaals. Selbst wenn sie unterwegs eine Pause gemacht und sich etwas erholt hätte, säße sie jetzt noch immer viel zu früh hier. Nur vermutlich in besserer Verfassung.

Ein Auto steht an einer Tankstelle neben einem Rasthof an der Autobahn. Im Hintergrund führt die Straße durch eine winterliche Landschaft mit schneebedeckten Feldern und kahlen Bäumen.

Manchmal ist ein kleiner Rastplatz zum Innehalten der Rettungsanker, um aus dem Kreislauf des Funktionierens auszubrechen.

Meine Gedanken zu seelischer Erschöpfung

Seelische Erschöpfung entsteht oft gar nicht dann, wenn wir offensichtlich viel leisten. Sie überkommt uns meist, wenn wir einfach immer weitermachen, obwohl Konzentration und Körper längst erste Signale senden. Fehlen Pausen, merken wir das zunächst körperlich: Müdigkeit, Spannung, ein schwerer Kopf. Doch auch innerlich hinterlässt es Spuren. Gedanken verlieren ihre Klarheit, wir springen von einem Thema zum nächsten und sind so überall ein bisschen, nur nirgends richtig.

Wer weiter durchzieht, obwohl die Aufmerksamkeit längst im Sinkflug ist, kommt zwar auch irgendwo an, die Frage ist nur in welchem Zustand. Echtes Ankommen ist mehr als körperliche Anwesenheit. Manchmal bringen Unterbrechungen zwar Verzögerungen mit sich, dafür können sie dafür sorgen, dass wir unser Ziel in einem Zustand erreichen, in dem wir überhaupt noch etwas davon haben.

Tarot-Reflexion


Diese Nachdenkgeschichte der Anfahrt trägt die Energie der Tarotkarte „Vier der Schwerter“ in sich. Sie steht in dieser Erzählung für den Moment, in dem etwas in uns nach Luft zum Atmen ruft. Für den Augenblick, in dem unsere natürliche Grenze erreicht ist, Gedanken sich verheddern und Präsenz verloren geht. Die „Vier der Schwerter“ erinnert daran, dass seelische Erschöpfung nicht unbedingt durch viel Arbeit entsteht, sondern durch zu wenig Innehalten. Erst wenn wir den Lärm von außen kurz verstummen lassen, den Kopf aus dem Tunnel des Funktionierens ziehen und auf das große Ganze blicken, kann sich das sortieren, was uns unterwegs verloren gegangen ist.

Vier aufrecht in braune Erde gesteckte Schwerter mit goldenen Griffen stehen nebeneinander. Zwischen ihnen wachsen Rosen mit hell-violetten und hell-grünen Blüten. Der Hintergrund ist ein sehr helles, freundliches Grau im Aquarellstil.

Diese Erzählung und die „Vier der Schwerter“ laden dich heute ein, dir die Frage zu stellen: Wo in deinem Leben rennst du gerade weiter, obwohl ein Teil von dir längst nach einem Rastplatz ruft? Und was könnte sich verändern, wenn du diesem Impuls heute Raum gibst?

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