Etappenziele: Geschichte der zwei Leitern
Oft besteht die größte Herausforderung gar nicht im Mut zum ersten Schritt, sondern darin, die Geduld für Etappenziele aufzubringen. Wir wollen unsere Pläne umsetzen und zwar so schnell wie möglich. So ergeht es auch Ben, der bei einem Leiter-Wettbewerb feststellt, dass Erfolg nicht immer nur mit Tempo zu tun hat. Manchmal ist es zielführender, den richtigen Abstand zwischen den eigenen Sprossen zu finden.
Zwei Leitern – eine Geschichte zum Nachdenken
Der Morgen war klar, die Luft kühl, und in Joshs Bauch lag ein Kribbeln, das irgendwo zwischen Aufregung und Zweifel pendelte. Gleich würde er gegen Bob antreten. Zwei Männer, zwei Leitern, ein Ziel: Wer zuerst das Dach der alten Scheune mit seiner selbst gebauten Leiter erreichte, hatte gewonnen. Seine Frau lächelte ihm am Frühstückstisch zu und erinnerte ihn daran, während des Wettkampfes ruhig zu bleiben und sich an den Plan zu halten.
Wenig später stand Josh schließlich mit leicht verschränkten Armen neben seiner Werkzeugkiste, während sich nach und nach eine kleine Menschentraube um die Scheune herum versammelte. Neben ihm lagen zwei lange Holzbalken, sauber geschliffen, und ein Haufen gleichmäßiger Sprossen. Er atmete tief durch. „Ich mache mir keinen Stress“, flüsterte er so leise, dass nur er selbst sich hören konnte. „Egal, wie schnell Bob ist, ich baue meine Leiter so zusammen, dass sie für mich passt.“
Ein paar Meter weiter wartete sein Freund und Rivale Bob auf das Startsignal zum Zusammenbau der Leiter. Eine Viertelstunde hatten sie dafür, was in dieser Zeit nicht fertig war, blieb unvollständig. Mit dem zweiten Klingeln würde anschließend das Wettrennen aufs Scheunendach eröffnet. Bob sprach schon seit Wochen davon und konnte es kaum abwarten. Nun grinste er zu Josh hinüber und rief: „Hoffentlich hast du keine Höhenangst, mein Lieber.“
Josh schüttelte den Kopf und antwortete ruhig: „Nein, ich hab nur Respekt vor zu großen Sprüngen.“
Der Leiterbau
Das erste Signal ertönte und Bob legte mit fliegenden Fingern los. Rasch und flüchtig befestigte er Sprosse um Sprosse, allerdings mit sehr großzügigem Abstand zueinander. Einige ließ er einfach weg. Im Ergebnis war er ruckzuck fertig und lehnte seine Leiter kampfbereit an die Scheunenwand. Er brauchte die restlichen Stufen nicht, die hielten ihn nur unnötig auf. Die Lücken konnte er beim Wettklettern problemlos mit großen Schritten überbrücken, das würde ihm Zeit sparen und den Sieg sichern. Josh dagegen nahm Maß, prüfte jede angebrachte Sprosse auf Stabilität und klopfte im Zweifel mit dem Holzhammer nach. Seine Leiter wuchs langsamer, aber gleichmäßig. Schließlich war auch er innerhalb der Zeitspanne fertig und stellte sich neben Bob an die Scheunenwand.
Das Wettklettern
Als das Signal zum Kletterstart fiel, setzten beide den Fuß auf die erste Sprosse. Jubel brandete auf. Doch bereits auf halber Höhe begann das Holz unter Bobs Füßen zu knacken und er hatte Mühe, den nächsten Leiterabsatz zu erreichen. Die Abstände waren zu groß, die Holzstücke nicht stabil genug montiert. Er musste sich weit nach oben strecken, um die nächste Stufe zu erreichen und sorgte sich immer mehr um seine Sicherheit. Schließlich hielt er keuchend inne und verharrte an Ort und Stelle.
Neben ihm kletterte Josh derweil ruhig und stetig Stufe für Stufe hinauf. Keine waghalsigen Sprünge, keine Hast, nur gleichmäßige Schritte. Oben angekommen legte er schließlich als Erster die Hand auf das Dach. Die Zuschauer klatschten. Bob schnaubte und schaute unsicher in die Tiefe. Seine Leiter wankte und er wollte nur noch den Rückwärtsgang einlegen. Josh sah hinunter auf seine Leiter und musste lächeln: Manchmal war das Geheimnis des Aufstiegs einfach nur, die Sprossen so zu setzen, dass sie auch erreichbar waren.

Josh und Ben setzen in Sachen Zielerreichung auf völlig unterschiedliche Herangehensweisen. Foto: ChatGPT
Meine Gedanken über Etappenziele
Wie oft stehen wir im Leben auf einer imaginären Leiter zwischen dem, wo wir sind, und dem, wo wir hinmöchten. Dabei geschieht es schnell, dass wir die Anstrengung unterschätzen, die uns zu große Schritte kostet, nur um möglichst schnell anzukommen. Der Preis dafür ist hoch, denn auf dem Weg geht meist irgendwann die Motivation verloren, weil alles zu weit und mühsam erscheint. Doch nachhaltiges Wachstum braucht kein Tempo, sondern eher Erreichbarkeit und Durchhaltevermögen. Etappenziele sind dabei vielleicht auch für dich eine Lösung. Denn in vielen Fällen ist es gar nicht so entscheidend, wie schnell du das Dach erreichst – schließlich sind wir hier nicht im Wettbewerb miteinander wie in der Geschichte. Wichtiger ist, dass jede Stufe dich zuverlässig trägt und du irgendwann überhaupt ankommst. Wenn du also unterwegs innehältst, um die nächste Sprosse zu prüfen, verlierst du keine Zeit, sondern gewinnst Halt.
Tarot-Reflexion
Diese Nachdenkgeschichte der zwei Leitern zum Thema Etappenziele trägt die Energie der Tarotkarte „Die Mässigkeit“ in sich. Sie steht für Ausgleich, Maß und achtsames Voranschreiten. Sie erinnert uns daran, dass Fortschritt nicht unbedingt durch Eile entsteht, sondern oft durch Balance, Geduld und machbare Schritte.

Wenn auch du deine Wünsche zum Leben erwecken möchtest, laden dich die Geschichte und diese Tarotkarte jetzt dazu ein, dir die folgende Frage zu stellen: Wo in deinem Leben bist du gerade dabei, zu große Schritte zu nehmen, die du nicht durchhalten kannst? Und welche kleine, tragfähige Sprosse könntest du heute stattdessen setzen?
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