Die Anfahrt. Eine Nachdenkgeschichte.
Geschichte für Erwachsene zum Nachdenken über seelische Erschöpfung
Es gibt Zeiten, in denen wir äußerlich funktionieren, aber innerlich kaum noch da sind. Gedanken springen durcheinander, bevor sie zu Ende gedacht sind, die Konzentration bleibt auf der Strecke und wir machen trotzdem immer weiter. Wir übergehen Müdigkeit, schieben Pausen auf und wundern uns, warum sich alles zunehmend schwerer anfühlt. Während wir versuchen, alles mitzunehmen, rinnt uns das Wesentliche dabei durch die Hände. So ergeht es auch einer Frau in dieser Nachdenkgeschichte, die unterwegs zu einem Vortrag ist und bei der Anfahrt mehr übersieht, als ihr zunächst bewusst ist.
Die Anfahrt. Eine Kurzgeschichte zum Nachdenken.
Die Straße lag ruhig vor ihr, grau und gleichmäßig, wechselnd eingerahmt von Feldern und Baumreihen. Sie fuhr Kilometer um Kilometer, das Brummen des Motors wurde lauter, wenn sie das Gaspedal tiefer durchtrat. Sie saß aufrecht hinter dem Lenkrad, beide Hände fest darum gelegt, den Blick konstant nach vorn gerichtet. Ein Rastplatzschild tauchte am Rand ihres Blickfeldes auf. Sie registrierte es, fuhr jedoch daran vorbei. Noch nicht, dachte sie. Ich muss erst noch mehr schaffen, später kommt sicher eine weitere Möglichkeit.
Das Radio lief leise im Hintergrund, irgendwann schaltete sie es aus. Die Stille im Wagen rauschte in ihren Ohren. Ein weiteres Schild kündigte den nächsten Rastplatz an. Sie streckte die Schultern, löste den Griff für einen Moment leicht vom Lenkrad, nur um es kurz darauf noch fester zu umschließen als zuvor. Sie fuhr weiter. Beim dritten Hinweisschild atmete sie länger aus als nötig und spürte ein leichtes Ziehen im Nacken. Eine Etappe schaffe ich noch, sagte sie sich. Den nächsten Rastplatz nehme ich.
Als die vierte Chance zum Innehalten sich näherte, sah sie von Weitem bereits einige Autos in den Parkbuchten stehen. Im Vorbeifahren fiel ihr eine Frau auf, die mit einem Becher in der Hand an ihrem Wagen lehnte. Sie blickte nicht auf ihr Handy, nicht auf die Straße, sondern einfach in die Weite. Für einen Moment blieb sie an diesem Bild hängen, bevor es im Rückspiegel immer kleiner wurde und schließlich verschwand. Sie glaubte, die Frau von früheren Branchentreffen flüchtig zu kennen.
Die Fahrt zog sich weiter. Gedankenschnipsel kamen und gingen, verfingen sich immer wieder ohne klaren Anfang und ohne sinnvolles Ende. Sie merkte, wie sie häufiger schluckte, ihr Hals trocken wurde. Als sie am Ziel ankam, war sie froh, den Motor auszuschalten. Der Parkplatz des Veranstaltungsgebäudes lag gut gefüllt vor ihr.
Wenn die Energie auf der Strecke bleibt
Im Foyer herrschte gedämpftes Stimmengewirr. Jacken wurden abgelegt, Kleider zurechtgezupft und Hände geschüttelt. Es war hell im Saal, als sie den Raum durchquerte und ihren Platz suchte. Dort angekommen sank sie auf den Stuhl und fuhr sich mit den Fingerspitzen über die Schläfen. Wo war bloß ihre Energie hin? Sie hatte sich sehr auf den Vortrag gefreut, doch nun war alles einfach nur anstrengend. Sie wusste nicht, wie lange sie so dort gesessen hatte, bis das Hauptlicht ausging und die Scheinwerfer sich auf die Bühne richteten.
Die ersten Worte der Rednerin hallten durch den Raum. Sie versuchte zuzuhören, zwang ihre Aufmerksamkeit nach vorn. Die Sätze erreichten sie zwar, blieben aber nicht bei ihr. Sie glitten vorbei, fanden keinen Halt. Sie schlug die Beine übereinander, löste sie wieder und wechselte erneut die Sitzposition.
Innere Ruhe braucht Platz zum Atmen
Ihr Blick wanderte durch den Raum und blieb ein paar Reihen weiter vorne hängen. Sie erkannte die Frau vom Rastplatz. Dort saß sie aufrecht, die Hände locker im Schoß, den Blick aufmerksam nach vorn gerichtet. Ihr leichtes Nicken wirkte, als hätte sie in diesem Moment einen neuen Gedanken aufgenommen.
Zu gerne hätte sie gewusst, was gerade in der Frau vorging. Sie versuchte, sich zu sammeln und der Sprecherin ebenfalls zuzuhören. Es fiel ihr schwer. Da tauchte das Bild der Autobahn vor ihr auf. Die Schilder. Das Vorbeifahren. Wie die Frau dort an ihrem Wagen gelehnt hatte, den Becher in der Hand. Sie schloss für einen Moment die Augen. Die Worte der Rednerin waren klar und doch kamen sie nicht bei ihr an. Sie hatte unterwegs etwas verloren. Doch wie war das geschehen? Sie hatte doch durchgezogen, sich nicht mal eine Rast erlaubt, obwohl die Möglichkeit dazu dagewesen wäre. Sie überlegte, was sie davon abgehalten hatte. Es war nicht die Zeit gewesen, keine andere Person oder sonst ein äußerer Zwang. Doch warum hatte sie sich dann selbst eigentlich so angetrieben?

Manchmal ist ein kleiner Rastplatz zum Innehalten der Rettungsanker, um aus dem Kreislauf des Funktionierens auszubrechen. Foto: ChatGPT
Meine Gedanken zu seelischer Erschöpfung
Seelische Erschöpfung entsteht oft gar nicht dann, wenn wir offensichtlich viel leisten. Sie überkommt uns meist, wenn wir einfach immer weitermachen, ohne kurz durchzuatmen und uns zu fragen, ob wir überhaupt auf dem richtigen Weg sind und wohin wir eigentlich aus welchem Grund wollen. Fehlen Pausen, merken wir das zunächst körperlich: Müdigkeit, Spannung, ein schwerer Kopf. Doch viel tiefgreifender ist das, was innerlich passiert: Gedanken verlieren ihre Klarheit, wir springen von einem Thema zum nächsten und sind so überall ein bisschen, nur nirgends richtig.
Die Geschichte zeigt, dass kurze Auszeiten mehr sind als physische Erholung. Legen wir sie bewusst ein, haben sie die Kraft, uns mental klar auszurichten und der seelischen Erschöpfung vorzubeugen. Wer weiter durchzieht, obwohl die Aufmerksamkeit längst im Sinkflug ist, kommt zwar auch irgendwo an. Aber echtes Ankommen bedeutet mehr als körperlich anwesend sein. Vielleicht liegt der Schlüssel darin, eine Rast nicht als Unterbrechung zu sehen, sondern als Teil des Weges. Nicht immer messbar, aber spürbar in der Art, wie wir denken, fühlen und wahrnehmen. Pause ist kein Umweg. Sie verändert nur, in welchem Zustand wir unterwegs sind und letztendlich ankommen.
Tarot-Reflexion
Diese Nachdenkgeschichte der Anfahrt trägt die Energie der Tarotkarte „Vier der Schwerter“ in sich. Sie steht in dieser Erzählung für den Moment, in dem etwas in uns nach Luft zum Atmen ruft. Für den Augenblick, in dem unsere natürliche Grenze erreicht ist, Gedanken sich verheddern und Präsenz verloren geht. Die „Vier der Schwerter“ erinnert daran, dass seelische Erschöpfung nicht unbedingt durch viel Arbeit entsteht, sondern durch zu wenig Innehalten. Erst wenn wir den Lärm von außen kurz verstummen lassen, den Kopf aus dem Tunnel des Funktionierens ziehen und auf das große Ganze blicken, kann sich das sortieren, was uns unterwegs verloren gegangen ist.

Diese Erzählung und die „Vier der Schwerter“ laden dich heute ein, dir die Frage zu stellen: Wo in deinem Leben rennst du gerade weiter, obwohl ein Teil von dir längst nach einem Rastplatz ruft? Und was könnte sich verändern, wenn du diesem Impuls heute Raum gibst?
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