Der Leuchtturm
Geschichte für Erwachsene zum Nachdenken über alles, was wir aus den Augen verlieren
Manchmal reicht schon eine ungeplante Unterbrechung, damit das, was wir eigentlich vorhatten, plötzlich in den Hintergrund tritt. Wir lassen uns treiben, ablenken und von scheinbar Wichtigem vereinnahmen, bis wir irgendwann merken, dass wir von unserem ursprünglichen Vorhaben abgekommen sind. So ergeht es auch der Frau in dieser Geschichte, deren Ausflug ans Meer anders verläuft als geplant.
Der Leuchtturm
Eine kurze Geschichte zum Nachdenken
Die Frau zog den Schlüssel aus dem Zündschloss und öffnete die Autotür, woraufhin eine sanfte Brise den Duft des Meeres ins Wageninnere wehte. Sie atmete tief ein und lächelte. Der Geruch hatte ihr gefehlt. Immer wenn sie den Weg zu ihrem Elternhaus an die nördlichste Spitze Deutschlands antrat, stand auch ein Besuch bei ihrer Freundin auf dem Programm, die sie seit Kindertagen kannte. Heute sollte es nach langer Zeit endlich wieder so weit sein. Sie stieg aus dem Auto, schob die Ärmel ihres Pullovers hoch und schirmte die Augen mit der Hand gegen die Sonne ab, um den weiß-roten Leuchtturm am Meeresrand besser zu erkennen. Unerschütterlich stolz stand er da wie eh und je.
Sie holte ihre Reisetasche aus dem Auto und lief den leicht abschüssigen Pfad zur Anlegestelle der Fähre hinab. Die Sand-Stein-Mischung knirschte unter den Turnschuhen, jeder ihrer Schritte wirbelte Staub auf. Sie sah sich um. Sonst war es hier wesentlich voller, doch an diesem Tag hatten sich lediglich sechs Leute um einen Mann mit Kapitänsmütze herum versammelt. Kurz darauf kannte sie den Grund: Technische Probleme verzögerten die Abfahrt um anderthalb Stunden. Enttäuscht, aber entschlossen, die Wartezeit sinnvoll zu nutzen, entschied sie sich für einen Abstecher ins angrenzende Dorf, in dem sie seit einer gefühlten Ewigkeit nicht mehr gewesen war.
Besuch im Souvenirladen
Dort angekommen, sah die Frau sich um. Obwohl die Umgebung rundherum ausreichend Raum bot, standen die einzelnen Häuser nah beieinander, als wollten sie sich gegenseitig vor dem Wind schützen. Sie schlenderte über das Kopfsteinpflaster und bewunderte die Sprossenfenster der urigen Bauten, bis sie zum Dorfplatz gelangte, in dessen Mitte ein Brunnen plätscherte. In der kleinen Bäckerei am Straßenrand trank sie gemütlich einen Milchkaffee und genoss die Ruhe. Die Gassen waren menschenleer, der Ort erschien ihr ein bisschen wie aus der Zeit gefallen. Nach einer Weile zahlte sie und ging hinüber zu dem kleinen Souvenirshop, den sie von ihrem Tisch aus entdeckt hatte. Das Glöckchen über der Tür kündigte ihr Kommen an, und Sekunden später schlurfte ein gebrechlich wirkender Mann aus dem Nebenzimmer, der sie begrüßte und gleich darauf versuchte, ihr die Schlüsselanhänger und Magnete schmackhaft zu machen.
Die Frau nickte und schaute in die angezeigte Richtung, wobei ihr sofort ein Anhänger mit Leuchtturmmotiv ins Auge stach. Der Leuchtturm, dachte sie und ihr Herzschlag beschleunigte sich. Oh, nein, wie spät ist es? Habe ich die Fähre etwa schon verpasst? Das letzte Mal hatte sie am Anleger auf die Uhr geschaut, danach nicht mehr. Sie kramte eilig ihr Smartphone aus der Tasche und ein Blick auf das Display bestätigte ihr ungutes Bauchgefühl. »Es tut mir leid«, rief sie dem Mann über die Schulter hinweg zu, die Türklinke bereits in der Hand. »Ich komme irgendwann bestimmt noch mal vorbei.« Mit diesen Worten rannte sie an dem Brunnen vorbei durch die Gassen bis hin zur Küste – wo in in diesem Moment die Fähre ablegte.
Die Leuchtturm-Erinnerung
Eine Weile stand sie am Ufer und sah dem Schiff hinterher, bis es kleiner wurde. Wie hatte sie ausgerechnet heute derart die Zeit vergessen können, obwohl sie sich so lange auf diesen Besuch gefreut hatte? Die nächste Fähre würde erst später fahren, also blieb ihr nichts anderes übrig, als zu warten. Sie machte sich wieder auf den Weg zurück ins Dorf. Als die Frau am Souvenirshop vorbeikam, blieb sie stehen. Durch das Schaufenster konnte sie den kleinen Leuchtturm noch immer sehen. Sie trat erneut ein, das Glöckchen klingelte über ihrem Kopf, und der alte Herr schlug die Augen in seinem Korbsessel auf. Die Pause hatte er wohl für ein Nickerchen genutzt. Sie lächelte ihn an und ging zu seiner Freude schnurstracks zu dem Regal mit den Andenken.
Sie nahm den Leuchtturm-Anhänger vom Haken. Eigentlich war er nichts Besonderes. Ein kleines Souvenir, wie es sie in Küstenorten in nahezu jedem Geschäft gab. Trotzdem hatte das erste Leuchtturmmotiv ausgereicht, um innerhalb eines Augenblicks etwas zurückzubringen, das zwischen Milchkaffee, Kopfsteinpflaster und Schaufenstern vollkommen in den Hintergrund getreten war. Ihre Freundin hatte sie nicht vergessen, auch nicht, warum sie überhaupt hierhergekommen war. Für eine Weile war nur die Verbindung dazu verschwunden. Sie drehte den Anhänger in ihrer Hand. Vielleicht brauchte es manchmal gar nicht mehr als ein sichtbares Zeichen, um diese Verknüpfung wiederherzustellen. Sie nahm den kleinen Leuchtturm mit zur Kasse. Als sie kurze Zeit später den Laden verließ, befestigte sie ihn am Reißverschluss ihrer Tasche und machte sich auf den Weg zurück zur Anlegestelle.

Ein Leuchtturm am Meer weist den Schiffen den Weg. Wer hält dich auf Kurs?
Meine Gedanken zu Erinnerungsankern
Unser persönlicher Leuchtturm kann dabei helfen, die grundlegende Ausrichtung im Blick zu behalten. Wobei ein Leuchtturm natürlich kein Leuchtturm sein muss, sondern irgendein Gegenstand, den wir mit dem verbinden, was uns wirklich wichtig ist. Stellen wir ihn uns auf den Schreibtisch, tragen ihn bei uns und nutzen ihn, um den Kurs zu halten. Auch wenn wir hin und wieder einen Umweg einschlagen und nahende Klippen umschiffen müssen, halten wir so die Verbindung zu dem, wohin wir eigentlich wollten.
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Tarot-Reflexion
Die Nachdenkgeschichte vom Leuchtturm trägt die Energie der Tarotkarte „Der Wagen“ in sich. Sie steht an dieser Stelle für Ausrichtung, Fokus und die Fähigkeit, trotz Ablenkungen die eigene Richtung nicht aus den Augen zu verlieren. Der Wagen erinnert daran, dass es im Alltag leicht passieren kann, dass anderes unsere Aufmerksamkeit auf sich zieht und das, was uns eigentlich wichtig ist, vorübergehend in den Hintergrund rückt. Ein persönlicher Anker kann dabei helfen, die Verbindung dazu wiederherzustellen und den eigenen Kurs bewusster im Blick zu behalten.

Diese Erzählung und „Der Wagen“ laden dich heute ein, dir die Frage zu stellen: Was hilft mir, mich mitten im Alltag wieder an das zu erinnern, was mir wichtig ist?
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