Bewusste Wahrnehmung: Geschichte der Ente am See
Es gibt Zeiten im Leben, in denen wir überzeugt sind, unsere Welt in- und auswendig zu kennen. Wir laufen dieselben Wege, treffen vertraute Entscheidungen und halten das, was wir sehen, für das Ganze. So geht es auch der Ente Enie in dieser Nachdenkgeschichte. Auch sie glaubt, dass ihr See und die gewohnte Uferlinie alles sind, was das Leben für sie bereithält. Doch eines Abends begegnet sie einer Gänsefamilie, deren Erzählungen etwas in ihr anstoßen, das größer ist als ihr See.
Die Ente am See – eine Geschichte zum Nachdenken
Die Sonne stand tief über dem Wasser, als die Ente Enie am Ufer saß und ihr Gefieder ordnete. Kleine Wellen kräuselten sich am Rand des Sees, Libellen tanzten darüber und irgendwo im Schilf raschelte es leise. Es war ein Tag wie jeder andere – ruhig, vorhersehbar, vertraut. Ein Stück weiter glitt eine Gänsefamilie durchs Wasser. Vier elegante Federkörper, die sich mühelos in gleichmäßigem Takt vorwärts bewegten. Enie schaute ihnen nach und versuchte sich zu erinnern, wann sie diese Familie zuletzt gesehen hatte. Es musste lange her sein, denn so sehr sie sich auch anstrengte, es wollte ihr einfach nicht einfallen.
Etwas stupste sie von hinten an. Es war Enies Mutter, das Gefieder noch feucht vom Bad. „Weißt du schon, wo wir heute Nacht schlafen?“, fragte sie. „Du findest immer so schöne Orte, mein Kind.“ Enie lächelte und versprach, auch dieses Mal wieder ein gutes Plätzchen in der Nähe zu finden. Wie immer.
Neue Wege entdecken durch bewusste Wahrnehmung
Die Entenmutter zog sich zufrieden ins Schilf zurück, um Pflanzenteile, Algen oder kleine Insekten für ihren knurrenden Magen zu finden, während Enie sich niederließ und mit den Augen den See nach den Gänsen absuchte. Das Wasser spiegelte den Himmel wider und für einen Moment fühlte sie sich geborgen in der Gleichmäßigkeit des Abends. Da entdeckte sie die Familie, die im goldenen Licht in aller Seelenruhe auf sie zu paddelte, freundlich schnatternd, als sei ihr letztes Treffen am Tag zuvor gewesen.
„Wie schön, euch wiederzusehen“, rief Enie ihnen zu. „Wo seid ihr nur die ganze Zeit gewesen?“
„Wir haben neue Gebiete erkundet!“, antwortete eines der Jungen stolz.
„Neue Gebiete?“, fragte Enie und legte den Kopf schräg. „Ich lebe hier seit Jahren. Es gibt keine neuen Gebiete. Um den See führt nur ein einziger Weg herum.“
Vom Mut hinzusehen und loszugehen
Die Gänsemutter lächelte sanft. „Dann hast du die anderen wohl noch nicht entdeckt.“ Sie deutete mit dem Schnabel nach Osten.
Enie folgte ihrem Blick und stutzte. Dort hinten schien wirklich etwas zu sein. Waren das etwa zwei schmale Pfade, die sich von ihrem Gewässer entfernten? „Das ist unmöglich“, flüsterte Enie. „Ich watschele da jeden Tag entlang und habe sie noch nie gesehen. Wie konnte mir das nur entgehen?“
„Das ging uns lange Zeit ebenso“, sagte der Gänsevater. „Manche Wege sind von Büschen überwuchert oder hinter Hecken versteckt, andere dagegen liegen von Anfang an offen vor uns. Nachdem wir den ersten gefunden hatten, war unsere Sorge groß, denn wir wussten ja nicht, was uns erwartet. Doch mit jedem Meter, den wir zurücklegten, fiel es uns leichter. Und am Ende wurden wir für unseren Mut belohnt.“ Er legte eine Kunstpause ein und fuhr dann mit gesenkter Stimme fort. „Hinter dem Horizont warten neben dem Risiko der Ungewissheit auch viele Chancen auf uns, weißt du?“
Die Gänsefamilie erzählte noch eine Weile von ihren Erlebnissen: von Wind, Sonne, neuen Freunden und der Freude, das Unbekannte zu entdecken. Enie hörte still zu. In ihr regte sich ein seltsames Gefühl. Bestand die Welt wirklich aus mehr als diesem See? Was wohl geschähe, wenn sie selbst einen der Wege wählen und ihn gehen würde? Plötzlich kam ihr das Lob ihrer Mutter wieder in den Sinn. „Du findest immer so schöne Orte, mein Kind“, murmelte sie deren Worte vor sich hin, und in ihren Augen blitzte ein unternehmungslustiges Funkeln auf.

Enie glaubt, den See und all seine Wege zu kennen, bis die Gänse ihr zeigen, dass Chancen manchmal genau dort liegen, wo wir nie hinschauen. Foto: ChatGPT
Meine Gedanken über bewusste Wahrnehmung
Manchmal sind wir so sehr an das gewöhnt, was wir täglich sehen, dass wir darüber vergessen, was wir alles nicht sehen. Wir bewegen uns entlang der vertrauten Ufer, bleiben in unseren Routinen und alten Überzeugungen stecken. Enies Begegnung mit den Gänsen erinnert daran, wie leicht es ist, Möglichkeiten zu übersehen, nur weil wir nicht bewusst hinschauen. Neue Wege entstehen nicht unbedingt erst in dem Moment, in dem wir sie gehen, sondern sie sind oft längst da. Wir müssen nur bereit sein, sie wahrzunehmen. Und manchmal reicht ein einziger Impuls, ein einziges Gespräch oder ein einziger Gedanke, um uns den Mut zu schenken, einen dieser bislang übersehenen Pfade zu betreten. Wer aufhört zu glauben, schon alles zu kennen, entdeckt plötzlich, dass das Leben hinter dem vertrauten Horizont weitergeht. Und dass das, was möglich ist, viel größer sein kann als das, was wir bisher für wahrscheinlich gehalten haben. Neue Wege entstehen, sobald wir bereit sind, sie zu sehen.
Tarot-Reflexion
Diese Nachdenkgeschichte der Ente am See zum Thema bewusste Wahrnehmung trägt die Energie der Tarotkarte „Zwei der Stäbe“ in sich. Sie steht für Entscheidungskraft, Aufbruch und die mutige Frage: Was liegt jenseits dessen, was ich schon kenne? Die „Zwei der Stäbe“ erinnert dich daran, dass Möglichkeiten erst dann zu Wegen werden, wenn du bereit bist, über den Tellerrand deiner Gewohnheiten hinauszuschauen. Horch in dich hinein: Vielleicht spürst auch du dann, dass es irgendwo da draußen etwas gibt, das mehr zu dir passt als die Routine, in der du dich eingerichtet hast.

Möchtest du wissen, welche Chancen das Leben noch für dich bereithält? Dann laden diese Nachdenkgeschichte und die Tarotkarte „Zwei der Stäbe“ dich ein, dir die Frage zu stellen: Welcher Weg ruft mich und welcher hält mich nur zurück, weil ich ihn schon so lange gehe?
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